Grober Behandlungsfehler


Was ist ein grober Behandlungsfehler?

Behandlungsfehler können einfach oder grob sein. Die Unterscheidung spielt im Arzthaftungsrecht eine wichtige Rolle, da sie sich auf die Frage der Beweislast auswirkt – also auf die Frage, wer in einem Prozess vor Gericht was beweisen muss.


Ein Behandlungsfehler ist als grober Behandlungsfehler zu bewerten, wenn der Arzt oder die Ärztin eindeutig gegen grundlegende, bewährte ärztliche Behandlungsregeln oder gegen gesicherte medizinische Erkenntnisse verstoßen hat. Der BGH formuliert es so: „Grob ist ein Behandlungsfehler dann, wenn er aus objektiver ärztlicher Sicht bei Anlegung des für einen Arzt geltenden Ausbildungs- und Wissensmaßstabes nicht mehr verständlich und verantwortbar erscheint, weil ein solcher Fehler dem behandelnden Arzt aus dieser Sicht schlechterdings nicht unterlaufen darf.“


Beispiele für einen groben Behandlungsfehler können sein:

  • Übersehen einer Fraktur auf dem Röntgenbild,

  • Krankenhauseinweisung bei Auffälligkeiten im EKG unterlassen,

  • keine weitere Behandlung oder Bildgebung trotz Anzeichen eines Schlaganfalls,

  • nicht mehr vertretbare Fehllage der eingebrachten Schrauben,

  • keine CTG-Überwachung bei Risikogeburten.

In diesen Fällen liegt ein Verstoß gegen elementare Behandlungsregeln und wissenschaftliche Erkenntnisse.


 

Welche Folgen hat das Vorliegen eines groben Behandlungsfehlers?

Das Vorliegen eines groben Behandlungsfehlers führt zu einer Beweislastumkehr zugunsten des klagenden Patienten bzw. der klagenden Patientin.


Im Regelfall muss der Kläger oder die Klägerin in einem Arzthaftungsprozess beweisen, dass ein Fehler in der Behandlung vorliegt und gerade wegen dieses Fehlers ein bestimmter Schaden eingetreten ist (sog. Kausalität). Dieser Beweis ist erst erbracht, wenn das Gericht zu der Überzeugung kommt, dass der Eintritt des konkreten Schadens bei richtiger Behandlung gänzlich unwahrscheinlich gewesen wäre. Dies lässt sich teilweise nur sehr schwierig zu beweisen.


Im Fall des groben Behandlungsfehlers kommt dem Patienten oder der Patientin jedoch eine Beweiserleichterung zugute. Liegt ein grober Behandlungsfehler vor, muss nicht mehr der Patient oder die Patientin die Kausalität des Fehlers für den Schaden beweisen. Stattdessen wird die Ursächlichkeit vermutet. Der Fehler muss zur Herbeiführung des Schadens zwar generell geeignet sein, der Verlauf muss aber nicht wahrscheinlich oder naheliegend sein.


Kann ein grober Behandlungsfehler bewiesen werden, lassen sich Schadensersatzansprüche in fast allen Fällen durchsetzen.

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